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Fukushima: neue Debatte über Atomausstieg 25 Jahre nach Tschernobyl

26.04.2011 - 13:53

25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl stand die Atomkraft vor einer Renaissance. Der Unfall von Fukushima hat das geändert: Deutschland steuert auf einen beschleunigten Atomausstieg zu. Nach Berechnungen der großen Energieversorger müssen vor allem die energieintensiven Industrien mit hohen Mehrkosten rechnen.

Von gestern: So urteilte der deutsche Meinungs-Mainstream noch vor wenigen Wochen über Kernkraft-Gegner. Das Restrisiko galt als beherrschbar und die Technik wenigstens als Brücke ins Zeitalter der CO2-freien Stromerzeugung. Viele Länder planten bereits neue Meiler. Seit dem Atomunfall im japanischen Fukushima hat sich das gründlich geändert - gründlicher als die Katastrophe von Tschernobyl, die wesentlich stärkere Auswirkungen auf Europa und Deutschland hatte.

26. April 1986: Explosionen im Atomkraftwerk Tschernobyl

Am 26. April 1986 explodierte frühmorgens bei einem fehlgeschlagenen Sicherheitstest Block vier des sowjetischen Lenin-Kernkraftwerkes auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Als Gründe gelten sowohl Konstruktionsmängel als auch Bedienfehler und menschliches Versagen. Durch einen Brand des im Reaktorkern enthaltenen Graphit gelangten radioaktive Teilchen weit in die Atmosphäre und erreichten viele Länder Europas. Das Gebiet um den Reaktor ist bis heute Sperrzone. Hunderttausende Liquidatoren wurden bei den Aufräumarbeiten verstrahlt.

Über die Folgen des Unfalls gibt es bis heute Uneinigkeit - auch, weil ein Zusammenhang von Strahlung und Folgen nicht immer direkt bewiesen werden kann. Deutschland erlebte aber das erste Mal einzelne Konsequenzen eines Atomunfalls: Kinderspielplätze wurden gesperrt, Pilze, Nüsse und Wild waren in vielen Regionen auf Jahre ungenießbar. Noch heute fallen hohe Kosten für die Sicherung der Atomruine an. Doch die Havarie ereignete sich in einem unsicheren und maroden Ostblock-Reaktor, das Restrisiko der graphitfreien West-Reaktoren galt weiterhin als beherrschbar.

25 Jahre später hat sich das geändert: Die Ostermarschierer sind plötzlich fast wieder up to date. Selbst die konservativ-liberale Bundesregierung, die eben noch die Laufzeitverlängerung beschlossen hatte, strebt nun einen schnellen Atomausstieg an. Was gerade noch als grüne Utopie galt, scheint nun zum Greifen nah: Neun Atommeiler stehen durch das Moratorium und wegen Wartungsarbeiten derzeit bereits still - das ist mehr als die Hälfte. Trotzdem gehen die Lichter nicht aus. Die Stromimporte aus Nachbarländern haben seitdem zwar etwas zugenommen - das ist aber offenbar eher eine Frage des Preises: Laut einem Bericht der "Welt" haben die Kraftwerksbetreiber ihre Reservekapazitäten noch nicht einmal entmottet.

Milliardenkosten durch den Atomausstieg

Dauerhaft und umweltfreundlich Strom erzeugen bedeutet aber mehr, als nur die Atomkraftwerke abzuschalten. Die Kostenschätzungen für den beschleunigten Umstieg auf erneuerbare Energien bewegten sich bislang auf einer Skala von Peanuts bis Apokalypse. Die Regierung hält sich mit eigenen Schätzungen zurück. Jetzt haben sich erstmals die großen Energieversorger zu Wort gemeldet: Sie errechneten laut Spiegel Mehrkosten von etwa fünf Euro monatlich für einen Vier-Personen-Haushalt bis 2020 durch den Atomausstieg. Teuer wird es demnach vor allem für die Industrie: Vor allem energieintensive Sparten wie die Chemie-, Stahl-, Metall- oder Papierindustrie müssen demnach Lasten von 1,5 Milliarden Euro schultern. Und zwar jährlich.

Das werden auch die Verbraucher zu spüren bekommen: bei der Preisentwicklung, beim Einkaufen oder bei Tarifverhandlungen. Doch zumindest aktuell will die Mehrheit die Energiewende - und der Run auf Ökostrom ist ungebrochen. Erkannt habe das auch die Atomkonzerne. Sie spielen Windrad-Zählen und vermelden derzeit stolz jedes neue Öko-Kraftwerk. Allerdings haben sie auch einiges aufzuholen: Nach einer aktuellen Studie tragen sie bisher nur unterdurchschnittlich zum Ausbau der erneuerbaren Energien bei.

(mb)

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