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Bericht der Bundesnetzagentur zum Atom-Moratorium: Netzausbau bitter nötig

27.05.2011 - 15:41

Angespannt, aber beherrschbar - so bewertet die Bundesnetzagentur die Situation im deutschen Stromnetz. Kritisch könnte es dem Bericht nach aber werden, wenn mehrere wichtige Stromleitungen gleichzeitig ausfallen oder wenn im Winter die Stromnachfrage steigt. Die Aufsichtsbehörde empfiehlt daher einen raschen und effizienten Netzausbau und das Vorhalten zusätzlicher Kraftwerksleistung.

5.000 Megawatt Kraftwerksleistung wurden durch das Atom-Moratorium auf einen Schlag abgeschaltet - ein historisch einmaliger Vorgang. Längerfristig fehlen sogar 8.500 Megawatt, weil nicht alle AKWs bis zum 15. März in Betrieb waren. So soll es auch bleiben: Laut Spiegel Online haben sich die Umweltminister von Bund und Ländern soeben auf die Stilllegung der sieben Alt-Meiler geeinigt. Aktuell verkraftet die deutsche Energieversorgung sogar den Stillstand von 13 Kernkraftwerken, weil in einigen Anlagen Wartungsarbeiten anstehen.

Dass die Lichter noch an sind, zeigt: Es gibt gewaltige Reserven im Stromnetz und bei der Stromerzeugung. Der Atomausstieg scheint locker machbar. Selbst für das stromintensive Winterhalbjahr attestieren die Bundesnetzagentur-Experten noch ausreichende Kraftwerkskapazitäten, um den deutschen Strombedarf grundsätzlich zu decken. Dass die Bundesrepublik seit dem Moratorium vom Stromexporteur zum Importeur geworden ist, liege an den Gesetzen des Marktes und nicht am AKW-Aus - ausländische Kraftwerke produzieren den Strom ganz einfach billiger. Also alles in Butter?

Hohe Belastung der Nord-Süd-Stromleitungen

Ganz so einfach ist es nicht: Die erneuerbaren Energien speisen nur fluktuierend ein - manchmal zu viel, manchmal zu wenig. Stromspeicher fehlen weitgehend. Und die Kraftwerke sind ungleich übers Land verteilt. Im Norden gibt es nach Abschaltung der sieben Alt-Meiler und des AKW Krümmel tendenziell einen Stromüberschuss, im Süden herrscht dagegen Knappheit. Das belastet die Nord-Süd-Leitungen massiv, vor allem bei Starkwind. Neue Kraftwerke sind jedoch schwerpunktmäßig ausgerechnet im Norden und im Rheinland geplant oder im Bau - sie können daher für keine Entlastung sorgen.

Als Nadelöhr erweist sich unter anderem der Rhein-Main-Raum. Schon jetzt, obwohl die Stromnachfrage gering und das Wetter günstig ist, müssen sich die Übertragungsnetzbetreiber ganz schön ins Zeug legen, um Spannung und Frequenz im Sollbereich zu halten. Es finden massive Eingriffe in die Erzeugung von Kraftwerken und den Stromhandel statt. Das sei zwar energiewirtschaftlich zweifelhaft, ökonomisch ineffizient und ökologisch schädlich, so der Bericht. Für einen Übergangszeitraum sei es aber hinnehmbar. Nur: Diese Maßnahmen müssen bereits angewendet werden, ohne dass es zu einer Störung in einer wichtigen Leitung oder einem großen Kraftwerk gekommen wäre.

Wenn nun auch noch mehrere bedeutende Netzkomponenten ausfallen sollten, wäre das kaum mehr aufzufangen. Als besonders kritisch werden zwei Szenarien angeführt: der Fall eines Starklast-Tages mit sehr geringer Ökostrom-Einspeisung im Winterhalbjahr und der Fall eines Starklast-Tages mit sehr geringer Einspeisung der erneuerbaren Energien im Winterhalbjahr verbunden mit dem Ausfall einer hoch belasteten Nord-Süd-Leitung. Ohne neue Höchstspannungsleitungen oder neue, wetterunabhängig regelbare Kraftwerke im Süden wären derartige Situationen aus Netzsicht kaum beherrschbar.

Ohne Netzausbau keine Energiewende

Deshalb muss jetzt nachgeholt werden, was in den vergangenen Jahren nicht geschehen ist, so der Bericht: Die Netze müssen schnell und effizient für die Anforderungen der erneuerbaren Energien ausgebaut werden. Kraftwerksneubauten sollten ebenfalls beschleunigt werden. Zusätzlich empfiehlt der Bericht, dass Stromanbieter stillgelegte, aber grundsätzlich betriebsfähige Kraftwerke, die so genannte Kalte Reserve, bereit halten. Notfalls müsse auch darüber nachgedacht werden, die Moratoriums-AKWs zu diesem Zweck noch einmal einzusetzen. Weitere Atomkraftwerke dürften nicht ohne Ersatzkonzept vom Netz gehen. Eins macht der Bericht der Bundesnetzagentur aber auch klar: Die Energiewende ist zwar nicht problemlos, aber machbar.

(mb)

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