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Atomunfall in Japan: Ausstieg oder Aufschub für die Kernkraft?

16.03.2011 - 11:26

Die Politik hat schnell auf den Atomunfall in Japan reagiert: Die Laufzeitverlängerung wird ausgesetzt. Vorerst. Wie es weitergehen soll, ist trotz Aufschub noch unklar. Viele Möglichkeiten gibt es allerdings nicht.

Es ist gruseliges Szenario: In Japan zerlegt sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit unkontrolliert ein Atomkraftwerk in seine Bestandteile. Das alles in der Nähe einer Multimillionen-Metropole, die sich unmöglich evakuieren lässt. In Umfragen befürwortet nun eine Mehrheit der Deutschen den Atomausstieg. Mit der Auszeit für die Laufzeitverlängerung und der vorübergehenden Abschaltung alter Meiler reagiert die Kanzlerin auf die Sorgen ihrer Bürger. Doch warum eigentlich? Es gibt keine wirklich neuen Erkenntnisse über die Risiken der Atomkraft in Deutschland, und es wird auch in drei Monaten keine geben. Atomkraftwerke sind eben nur sicher, solange sich die Belastungen im Rahmen dessen bewegen, wofür sie gebaut wurden. Alles, was darüber hinaus reicht, ist das Restrisiko. Das hat Fukushima wieder in Erinnerung gerufen, gewusst hat man es schon vorher.

Der Atomausstieg ist bereits beschlossen

Der Ausstieg aus der Kernenergie und der Umstieg auf erneuerbare Energien sollen kommen - das ist sowieso beschlossene Sache. Wenn nun verzichtbare alte Meiler vom Netz gehen, ist das unter Sicherheitsaspekten zu begrüßen. Kurzfristig können andere Kraftwerke hochgefahren werden und in die Bresche springen. Eine Stromknappheit wird es in den kommenden Wochen ebenso wenig geben wie Horror-Strompreise. Doch bei den Energiehändlern macht sich genauso wie bei vielen Verbrauchern Verunsicherung breit. Offen ist, wie sich die Strompreise mittelfristig entwickeln, weil offen ist, welche Energiequellen zukünftig zur Verfügung stehen. Auch juristisch steht der Stopp der Laufzeitverlängerung auf tönernen Füßen: Die Energiekonzerne spielen aktuell zwar mit und fahren die ersten Kraftwerke herunter. Doch das Gesetz zur Laufzeitverlängerung gilt weiter.

Nötig ist bald Planungssicherheit - für Verbraucher und Investoren: Wie soll es weitergehen mit der Kernkraft? Welche Energien sollen gegebenenfalls für Ersatz sorgen? Auch wenn acht AKWs stillstehen können, ohne dass die Versorgung zusammenbricht - alle 17 lassen sich nicht einfach vom Netz nehmen. Einen Ausbau der schmutzigen und klimaschädlichen Kohleverstromung kann niemand ernsthaft fordern. Die Technik der CO2-Abscheidung steckt noch in den Kinderschuhen und ist höchst umstritten. Bioenergie verschlingt riesige Flächen und die teuren Solarzellen werden das Problem allein auch nicht lösen können. Die relativ sauberen Gaskraftwerke und die Windenergie können relativ schnell einspringen - aber auch dabei bleiben Fragen offen.

Es gibt keine Flüssiggas-Terminals in Deutschland, Pipeline-Projekte wie Nabucco sind erst in der Planung und die Fördermethoden für unkonventionelles Erdgas sind ökologisch fragwürdig. Zudem heißt mehr Gas auch mehr Abhängigkeit von Förderländern wie Russland, Libyen oder Aserbaidschan. Neue Gaskraftwerke müssen außerdem erst mal gebaut werden. Die umweltfreundlichen Windräder brauchen tausende Kilometer neue Stromleitungen und riesige Stromspeicher, um die schwankende Produktion auszugleichen. Doch deren Bau wird oft genauso heftig bekämpft wie die Atomkraft.

Ein Plan für die Energieversorgung

Irgendwo muss der Strom aber herkommen, und bezahlbar soll er auch noch bleiben. Politik und Energiewirtschaft sollten die drei Monate gut nutzen. Gebraucht wird ein schlüssiges Energiekonzept und kein pro- oder contra-Atom-Populismus. Es geht um die Energieversorgung eines ganzen Landes, die lässt sich nicht spontan umstellen. Verbraucher, denen das nicht schnell genug geht, können schon jetzt ihren privaten Atomausstieg starten. Denn zahlreiche Stromanbieter liefern bereits atomstromfrei Energie aus erneuerbaren Quellen zu bezahlbaren Preisen. Manche sogar günstiger als der örtliche Grundversorger seinen Normalstrom. Der grüne Strom erlebt aktuell übrigens einen regelrechten Boom.

(gh)

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