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Atomausstieg: Grüne nach Wahlsieg vor Herausforderung

31.03.2011 - 18:03

Der Atomunfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi hat den Grünen in Deutschland starken Auftrieb gegeben. Ihr jüngster Wahlsieg war vor allem ein Votum für einen schnellen Atomausstieg. Doch die Partei muss die Energiewende nicht nur gegen den Widerstand der Gegner, sondern auch der eigenen Anhänger durchsetzen.

Die Ereignisse in Japan haben auch in Deutschlands Parteienlandschaft ein kräftiges Nachbeben ausgelöst. Unter dem Eindruck von atomarem Gau und verstrahltem Spinat machten bei den zurückliegenden Landtagswahlen viele Wähler ihr Kreuz bei den Grünen. Die Partei wird demnächst in Baden-Württemberg mit Winfried Kretschmann den ersten grünen Ministerpräsident in der deutschen Geschichte stellen.

Grüne: Erfolg als Herausforderung

Der schöne Erfolg dürfte für die Grünen schon bald zu einer großen Herausforderung werden. Die meisten ihrer Neu-Wähler haben - das belegen zahlreiche Umfragen vom Wahltag - vor allem deshalb grün gewählt, weil sie einen schnellen Atomausstieg wollen. Und eben nicht, weil sie plötzlich grün denken. Die Partei steht darum unter Druck, schnelle Erfolge vorzuweisen, zum Beispiel durch die Abschaltung von Atomkraftwerken im Ländle. Doch der Umbau der Stromversorgung ist eine Mammutaufgabe - und teuer. Ärger mit vielen grünen Neu-Wählern ist praktisch vorprogrammiert, wenn in einem Jahr die Strompreise steigen. Und unabhängig davon, ob das nicht auch bei längeren Atomlaufzeiten passiert wäre, werden die Stromkonzerne dem Ökostrom auf jeden Fall den schwarzen Peter zuschieben.

Außerdem manövrieren sich die Grünen teilweise selbst in die Glaubwürdigkeitsfalle. Vielerorts bekämpfen ihre Anhänger Projekte, die den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben würden. Neue Leitungen für grünen Strom? Verschandeln die Landschaft und verursachen Magnetfelder. Pumpspeicherkraftwerke, die Ökostrom für wind- und sonnenarme Stunden speichern? Gefährden Landschaftsbild und Tierarten. Windräder? Ein Eingriff in die Natur. Neue, effiziente Gaskraftwerke? Abzulehnen, weil fossile Brennstoffe eingesetzt werden.

Atomausstieg gegen den Widerstand der Befürworter

Die Verfechter einer Energiewende müssen ihr Projekt also nicht nur gegen den Widerstand der Gegner durchsetzen, sondern auch gegen den Widerstand der Befürworter. Sie müssen ihren eigenen Anhängern und Wählern klar machen, dass der sinnvolle Umstieg auf regenerative Energien auch von ihnen Änderungen bei Lebensstil und Konsum fordert. Der Atomlobbyist im Mercedes pustet auf der Fahrt ins Kernkraftwerk eben genau so viel CO2 in die Luft wie mancher Grünen-Wähler im Volvo-Kombi auf der Fahrt in den Bioladen. Umweltfreundlich wird es erst mit dem Rad.

Es ist positiv, wenn Politiker, Wirtschaft und Bürger sich jetzt über eine zukunftsfähige Stromversorgung Gedanken machen. Ein schnelles Kreuz auf dem Stimmzettel bei den Grünen reicht aber nicht. Gefragt ist intelligentes Stromsparen durch den Verzicht auf unnötigen Verbrauch. Gefragt ist der Entschluss, jetzt nicht den allerbilligsten Tarif zu wählen, sondern Ökostrom von einem nachhaltigen Anbieter zu kaufen, der den Mehrpreis in neue Öko-Kraftwerke steckt. Und gefragt ist die Bereitschaft, deren Bau auch vor der eigenen Haustüre zuzulassen. Sie sind nicht unbedingt hübscher als Kohle- und Atommeiler, aber wenigstens umweltfreundlicher.

(gh)

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