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Atomausstieg light: Nur noch vier Atomkraftwerke sind am Netz

23.05.2011 - 17:28

Deutschland probt den Atomausstieg: Seit dem Wochenende produzieren nur noch vier Atomkraftwerke Strom. Die restlichen 13 sind wegen Wartungsarbeiten und durch das Atom-Moratorium vom Netz. Damit steht nur noch rund ein Viertel der installierten Kernkraftwerksleistung zur Verfügung. Die Übertragungsnetzbetreiber befürchten Engpässe und Blackouts vor allem im kommenden Winter. Auch die Internationale Energieagentur warnt vor einem übereilten Ausstieg aus der Kernkraft. Die Kanzlerin will dagegen schon bald konkrete Ausstiegsbeschlüsse treffen.

Es ist eine Art Atomausstieg light, die Deutschland seit dem Wochenende erlebt: Sieben Alt-Meiler sind wegen des Kernkraft-Moratoriums vom Netz, das AKW Krümmel steht wegen einer Pannenserie ohnehin still. Weitere Atomkraftwerke wurden im Frühjahr für turnusmäßige Wartungsarbeiten vom Netz genommen, zuletzt am Wochenende das AKW Emsland. Damit sind es nur noch vier von 17 Atomkraftwerken, die aktuell Strom ins Netz einspeisen: Brokdorf, Isar 2, Gundremmingen C und Neckarwestheim 2. Von knapp 20.500 Megawatt installierter Leistung stehen aktuell nur noch gut 5.400 zur Verfügung.

Die Lichter sind bislang zwischen Flensburg und Füssen nicht ausgegangen. Allerdings braucht die Bundesrepublik derzeit Strom aus dem Ausland, wie ein Blick auf Daten der europäischen Übertragungsnetzbetreiber zeigt: Am 7. März, dem Montag vor dem Japan-Tsunami und dem Atom-Moratorium, exportierte Deutschland zwischen 13 und 14 Uhr unterm Strich noch eine Leistung von 8.823 Megawatt, das entspricht rund sieben größeren Atomkraftwerken. Am heutigen 23. Mai gab es dagegen in dieser Stunde einen Importbedarf von 1.706 Megawatt. Eine Woche zuvor mussten zu dieser Uhrzeit sogar mehr als 4.000 Megawatt eingeführt werden, obwohl das AKW Emsland noch Strom produzierte. Auch wenn die Zahlen nicht vollständig vergleichbar sind, weil aktuell keine Daten aus Österreich verfügbar sind - der Trend ist klar.

Atom-Moratorium als Belastungsprobe für das Stromnetz

Der Stillstand mehrerer AKWs hat die Stromnetze also nicht zusammenbrechen lassen. Glaubt man den Netzbetreibern, ist es aber schwieriger geworden, sie stabil zu halten. Dafür sorgen zum einen veränderte Lastflüsse, weil der Süden überdurchschnittlich stark vom Atomstrom abhängt, während der Norden mit seinen zahlreichen Windrädern viel Ökostrom produziert. Zum anderen speisen die erneuerbaren Energien nicht so verlässlich und planbar Energie ins Netz wie ein Kernkraftwerk. Es seien verstärkt Eingriffe in den Strommarkt nötig, Reserven und Eingriffsmöglichkeiten seien weitgehend aufgezehrt, heißt es in einer Pressemitteilung der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber.

Derzeit ist allerdings die Stromnachfrage vergleichsweise gering und die Photovoltaik produziert viel Strom. Wenn sich dieses Verhältnis im Winter wie üblich umkehrt, könnte es laut der Mitteilung allein durch den Stillstand der Alt-Meiler problematisch werden. Im Süden Deutschlands sei eine sichere Versorgung der Kunden dann nicht mehr gewährleistet. Die Übertragungsnetzbetreiber fordern daher, dass zumindest ein Teil der älteren AKWs wieder angefahren werden muss. Sie wollen die Lage in den kommenden Wochen gemeinsam mit der Bundesnetzagentur weiter analysieren. Auch die Internationale Energieagentur IEA sieht die Versorgungssicherheit in Europa gefährdet. Ihr Chef, der Japaner Nobuo Tanaka, warnte Deutschland im Handelsblatt vor einem übereilten Alleingang.

Die Kanzlerin will beim Atomausstieg aufs Gas treten

Die Bundesregierung sieht die Versorgungssicherheit dagegen nicht in Gefahr. Die Stromversorgung sei auch bei einem schnellen Atomausstieg gesichert, zitiert Spiegel Online eine Sprecherin von Umweltminister Norbert Röttgen. Man nehme die Bedenken jedoch sehr ernst. Gleichzeitig drückt die Kanzlerin nach den jüngsten Wahlerfolgen der Grünen in Bremen in Sachen Atomausstieg aufs Tempo: Sie kündigte "schnelle und eindeutige Entscheidungen" in der Atomfrage an. Am kommenden Montag soll es eine weitere Sitzung des CDU-Bundesvorstands geben, in der die Empfehlung der Ethikkommission zum Atomausstieg beraten werden soll.

Nach den bisher bekannt gewordenen Plänen will die Bundesregierung die sieben ältesten Meiler und das Pannen-AKW Krümmel komplett abschalten. Die übrigen Atomkraftwerke könnten dann nach einem Stufenplan schrittweise abgeschaltet werden, um Zeit zum Bau neuer Kraftwerke und von Stromspeichern zu gewinnen. Die endgültige Entscheidung über die deutsche Energiewende soll nach aktuellem Stand am 8. Juli im Bundesrat fallen. Röttgen rechnet für Privathaushalte nur mit moderaten Strompreissteigerungen durch das Atom-Aus, die energieintensive Industrie befürchtet dagegen massive Kostensteigerungen und Standortnachteile.

(mb)

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