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AKW Lubmin: Besitzer plant umstrittenen Billig-Rückbau

25.04.2012 - 17:25

Das stillgelegte AKW Lubmin könnte zum Modell für den Abriss von ausgedienten Atomkraftwerken werden: Der Besitzer der Anlage, die bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN), plant nach Informationen von Spiegel Online eine besonders kostensparende Form der Entsorgung. Der Billig-Rückbau gilt allerdings als umstritten.

Neun Atomkraftwerke sind in Deutschland noch in Betrieb, acht im vergangenen Jahr stillgelegt worden. Hinzu kommen etliche Meiler, die wie das AKW in Lubmin bei Greifswald aus Altersgründen schon zuvor vom Netz gegangen waren. Alle diese Anlagen strahlen gefährlich - und alle müssen entsorgt werden. Die Branche erwartet Milliardenkosten. Doch die Summe könnte sich drücken lassen: Die Energiewerke Nord haben dazu eine Strategie entwickelt, die in Deutschland so noch nie angewandt wurde.

Zwei Methoden - eine Strategie

Die Idee: Eine Kombination aus den beiden bisher bekannten Methoden zum Abriss von Atomanlagen, dem sicheren Einschluss und dem sofortigen Abriss. Bei der ersten Technik wird die gesamte Anlage nach ihrem Abschalten so lange stehen gelassen, bis die Radioaktivität in Gebäuden und technischen Anlagen weitgehend abgeklungen ist. Danach kann sie relativ einfach abgerissen werden. Das Problem: Bis es soweit ist, muss der Meiler weiter instand gehalten werden, damit keine Radioaktivität austritt. Zudem geht das Fachpersonal, das die Anlage kennt, irgendwann in Ruhestand.

Beim sofortigen Abriss muss dagegen wegen der Strahlenbelastung wesentlich aufwändiger gearbeitet und es müssen große Mengen radioaktiven Abfalls eingelagert und entsorgt werden. Die EWN will deshalb nur die Teile, für deren Demontage und Entsorgung ohnehin Fachpersonal nötig ist, sofort zerlegen und entsorgen. Das betrifft vor allem die Technik. Der Rest des AKW, im Wesentlichen die Gebäude, soll dagegen rund 50 Jahre lang stehenbleiben, bis er wie ein normales Bauwerk abgerissen werden kann. Das kommt unterm Strich wesentlich günstiger.

Der Billig-Abriss ist umstritten

Die Strahlenschutzkommission (SSK) und die Entsorgungskommission (ESK), zwei Beratergremien des Bundesumweltministeriums, prüfen die Methode derzeit in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe. Sie wollen auch untersuchen, inwieweit sich das Konzept auf andere Atomkraftwerke übertragen ließe. Die Meinungen unter den Experten gehen allerdings auseinander. Für Streit sorgt vor allem die Tatsache, dass die EWN nur nach dem Ausbau der Technik die Strahlenbelastung erfassen, vor dem Abriss der Gabäude die Messung aber nicht wiederholen will.

Auch Umweltschützer schlagen Alarm. Sie stören sich daran, dass Lasten des Rückbaus unnötig weit in die Zukunft verschoben würden. Die von den EWN angepeilte Strategie gehe zu Lasten des Umweltschutzes und habe nur den Zweck, den AKW-Rückbau zur Billiglösung zu schrumpfen, so die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl. Sie warnt davor, in Lubmin einen Präzedenzfall zu schaffen. Noch vor der Abschaltung der letzten Atomkraftwerke und noch vor der Einigung über ein Atommüll-Endlager zeichnet sich also schon der nächste Konflikt ab - der um den Umgang mit stillgelegten AKWs.

(mb)

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