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Geo-Scoring: Falscher Wohnort führt zu Kreditablehnung?

21.03.2014 - 16:00

Ein Online-Bestellformular hat wahrscheinlich jeder von uns schon einmal ausgefüllt: Name, Adresse, Kontaktdaten wie Handynummer oder E-Mail-Adresse und dann natürlich die Kontoverbindung – prinzipiell alles nicht besonders spektakulär. Falsch: Einige Banken leiten aus der Straße und dem Wohnviertel, in dem Sie leben, Rückschlüsse auf Ihre Kreditwürdigkeit ab.

Geo-Scoring nennt sich diese besondere Variante der Bonitätsbewertung von Verbrauchern – schnell können ein verrufenes Stadtviertel oder zwielichtige Nachbarn dabei zur Ablehnung einer Finanzierungsanfrage führen. Wie genau die Bewertung der Kreditwürdigkeit eines Verbrauchers anhand von Geodaten funktioniert und wie Sie sich gegen die Ablehnung ihrer Kreditanfrage aufgrund falscher Informationen wehren können, lesen Sie hier.

Was ist Geo-Scoring?

Die falsche Anschrift kann beim Geo- Scoring zu hohen Kreditzinsen führen.
Beim sogenannten „georeferenzierenden Scoring“ werden Wahrscheinlichkeiten zum Verhalten eines Verbrauchers anhand von adress- und regionsbezogenen Erfahrungswerten ermittelt. Insbesondere im Marketingbereich wird mit Hilfe von Geodaten ermittelt, wie sich das Kaufverhalten von Zielgruppen in gewissen Stadtteilen von dem anderer Viertel unterscheidet – aus diesen Analysen können Firmen anschließend gezielte Vermarktungsstrategien für einzelne Stadtteile ableiten.

Längst nutzen jedoch nicht nur Konzerne Geodaten zur Ermittlung des Konsumentenverhaltens – auch Auskunfteien greifen in speziellen Fällen auf diese Informationen zurück - daher fließt die Bewertung anhand von regionsbezogenen Daten oftmals auch in die Kreditentscheidung von Banken ein.

Bei jeder Kreditanfrage, die ein Verbraucher bei einer deutschen Bank stellt, fragt diese bestimmte Informationen bei verschiedenen Wirtschaftsauskunfteien, wie beispielsweise der Schufa, an. Diese berechnet aus den ihr vorliegenden Informationen einen sogenannten Score, also einem Wahrscheinlichkeitswert, der beispielsweise die Rückzahlungszuverlässigkeit des Verbrauchers ausgedrückt. Zu den Informationen, die in den Score einfließen, gehören neben dem Namen und der Anschrift des Verbrauchers Angaben zu vergangenem Zahlverhalten, bestehenden Krediten, Girokonten oder auch Kundenkonten bei Mobilfunkanbietern oder Versandhändlern. Sollte die Wirtschaftsauskunftei keine derartigen bonitätsrelevanten Informationen über einen bestimmten Verbraucher gespeichert haben, greifen Auskunfteien zum Teil auch zur Bonitätsbewertung durch Geodaten zurück. Seit 2010 erlaubt es das Bundesdatenschutzgesetz Wirtschaftsauskunfteien, die Kreditwürdigkeit eines Verbrauchers auch aufgrund dieser strittigen Informationsquelle zu bemessen.

Bei dieser Form der Bonitätsbewertung versucht die Auskunftei, von der Kreditwürdigkeit der Menschen aus dem näheren Umfeld des Verbrauchers auf dessen eigene Bonität zu schließen – hat der Nachbar also eine schlechte Kreditwürdigkeit, würde die Auskunftei dem Verbraucher selbst ebenfalls ein unzuverlässiges Zahlverhalten attestieren. Knapp gesagt, wer am falschen Ort wohnt, kann trotz hervorragender Bonität eine Ablehnung seines Finanzierungswunsches erhalten.

Geodaten dürfen nicht einzige Quelle für Bonitätsbewertung sein

Wer sich aufgrund dieser Information der Willkür von Auskunftei und Bank ausgeliefert fühlt, kann beruhigt sein: Laut § 28b des Bundesdatenschutzgesetzes dürfen Auskunfteien zur Bonitätsbewertung eines Verbrauchers nicht ausschließlich dessen Anschriftendaten verwenden. Zudem muss die Auskunftei den Verbraucher darüber informieren, wenn dessen Adressdaten in die Ermittlung seiner Kreditwürdigkeit einbezogen wird.
Einige Auskunfteien nutzen Geodaten zur Bewertung der Verbraucherbonität.
Die, nach eigenen Angaben, mächtigste Wirtschaftsauskunftei Deutschlands – die Schufa – greift laut eigener Angaben bei der Bonitätsbewertung nicht auf Geodaten zurück. Mit einem Datenbestand von 479 Millionen Einzelinformationen muss die Auskunftei laut einer Aussage ihres ehemaligen Pressesprechers Christian Seidenabel für die Bewertung der Kreditwürdigkeit nicht auf Geodaten zurückgreifen. Laut Unternehmensangaben werden diese Informationen nur auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden, also einer Firma oder Bank, in die Berechnung der Kreditwürdigkeit einbezogen.

Anders sieht die Situation jedoch bei anderen, weniger bekannten, Auskunfteien aus: Eine von ihnen, Arvato Infoscore, eine Tochterfirma der Bertelsmann-Gruppe, gibt beispielsweise offen zu, Informationen aus dem Wohnumfeld des Verbrauchers, also beispielsweise das Zahlverhalten der Nachbarn, in Berechnung der Kreditwürdigkeit einfließen zu lassen. Das Unternehmen geht sogar so weit, dass das Geburtsdatum des Antragsstellers, falls dies nicht bekannt sein sollte, auf Basis des Vornamens geschätzt wird. Wie stark diese Informationen in die allgemeine Bonitätsbewertung eines Verbrauchers einfließt, behält die Auskunftei jedoch für sich. Wolfgang Hübner, Geschäftsführer von Arvato Services, versichert jedoch, dass Geodaten auch bei Arvato Infoscore nie das ausschlaggebende Merkmal bei der Bonitätsbewertung bilden.

Spezieller Fall: Nullprozent-Finanzierung

Im Gegensatz zur Bonitätsbewertung bei der Vergabe von Verbraucherdarlehen, werden Geodaten offensichtlich dann verstärkt verwendet, wenn ein Verbraucher die Ratenzahlungen eines Versandhändlers in Anspruch nehmen möchte. Da der Verbraucher bei dieser Bezahlmöglichkeit ebenfalls einen Ratenkredit in Anspruch nimmt, erfragt der Händler bei einer Auskunftei zuvor auch die Kreditwürdigkeit des Verbrauchers an.

In einem Onlinebericht mutmaßte die Tageszeitung Die Welt jedoch, dass es den Versandhäusern zu teuer ist, die komplette Schufa-Akte eines Verbrauchers anzufragen – so wie Banken es bei vor der Kreditvergabe an einen Verbraucher tun. Versandhändler würden hingegen nur den Name und Wohnort des Verbrauchers bei der Auskunftei angefragt. Aus diesen Informationen erstellt die Auskunftei in der Folge eine Mutmaßung über die Bonität des Kunden. Laut Frank-Christian Pauli vom Bundesverband der Verbraucherzentralen ist diese Methode der Bonitätsbewertung kritisch, da es meist wenige Daten über einen Verbraucher gebe, in die jedoch viel hineininterpretiert werde.

Unser Tipp:

Sollten Sie das Gefühl haben, dass eine Bank Ihren Kreditantrag aus ungerechtfertigten Gründen ablehnt, fragen Sie Ihre eigene Akte bei dieser Auskunftei an. Seit dem ersten April 2010 haben Verbraucher aufgrund § 34 BDSG das Recht, einmal jährlich eine kostenlose Selbstauskunft bei den Auskunfteien einzuholen. Sollten Sie auf diese Weise bemerken, dass falsche Daten über Sie gespeichert sind, können Sie der Auskunftei dies schriftlich mitteilen. Auf diese Weise können Sie eine Löschung der Informationen in die Wege leiten.

(as)

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