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Geplante Obsoleszenz - Verschwörung der Hersteller oder Schuld der Wegwerfgesellschaft?

18.02.2016 - 08:46

Fernseher kaputt, und das exakt eine Woche nach Ablauf der Garantie. War ja klar! Oder auch nicht? Das Öko-Institut möchte in seiner gerade erschienenen Studie genau diese Frage klären und gibt dabei differenzierte Antworten – so einfach ist die Sache nämlich nicht. Ziel des Instituts ist es, für die Zukunft Normen, Standards und Rahmenbedingungen für Hersteller und Verbraucher zu schaffen.

„Die Waschmaschine meiner Eltern hat 30 Jahre lang gehalten. Meine ist nach 3 Jahren schon defekt.“ Kundenmeinungen dieser Art finden sich in großer Anzahl auf diversen Online-Marktplätzen. Nutzer kritisieren dabei immer wieder, dass die Hersteller Design vor Materialqualität stellen würden. Beweisen konnte diesen Vorwurf bislang niemand, jedoch deuten Fakten wie nicht austauschbare Akkus bei Smartphones oder nicht vorhandene Reparaturmöglichkeiten daraufhin.

Vor wenigen Tagen ist der Abschlussbericht „Einfluss der Nutzungsdauer von Produkten auf ihre Umweltwirkung: Schaffung einer Informationsgrundlage und Entwicklung von Strategien gegen ‚Obsoleszenz‘“ erschienen. Das Öko-Institut erarbeitete zusammen mit der Universität Bonn im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) Ursachen von und konkrete Ziele gegen Obsoleszenz. Es hat sich jedoch gezeigt: Eine eindimensionale Beantwortung der eingangs gestellten Frage ist nicht möglich.

Mülleimer mit Elektronikschrott
Müssen Elektronikgeräte wirklich so schnell im Mülleimer landen?

Was versteht man eigentlich unter Obsoleszenz?

Obsoleszenz bezeichnet die „Alterung (natürlich oder künstlich) eines Produkts“. Das Öko-Institut unterscheidet dabei vier unterschiedliche Arten: Die werkstoffliche und die funktionale Obsoleszenz können auf Seiten der Hersteller verortet werden. Die Produktalterung ist hier begründet in Materialmängeln oder Verschleißerscheinungen bzw. nicht mehr kompatibler Hard- oder Software.

Die psychologische und die ökonomische Obsoleszenz hingegen gehen vom Verbraucher aus: Das Produkt wird entweder aus Mode- und Trendgründen ersetzt oder weil die Reparatur teurer als die Anschaffung ist.

Planen die Hersteller die Produktlebensdauer?

Die Unternehmen stecken viel Geld in die Produktentwicklung und dass sie damit auch Gewinne generieren möchten, ist klar. Daher überrascht es auch wenig, dass die Hersteller untersuchen, wie lange der Käufer sein Produkt nutzt. Aus diesem Wissen heraus wird die technische Lebensdauer an die erwartete Nutzung angepasst.

„Das Kernprinzip lautet, Produkte so zu gestalten, dass sie so lange wie nötig und nicht so lange wie möglich halten“, heißt es dazu in den FAQ Obsoleszenz des Öko-Instituts. Jedoch bedeute das keine „manipulative Beeinflussung der Lebensdauer“ seitens der Hersteller, sondern eine technische Planung der Produkte aus ökologischer und ökonomischer Sicht. UBA-Präsidentin Maria Krautzberger merkt dazu jedoch an: „Viele Geräte haben eine zu kurze Lebensdauer. Aus ökologischer Sicht ist das nicht akzeptabel.“

Ersetzen Verbraucher viele Geräte, auch wenn sie noch funktionieren?

Die Studie hat ergeben, dass die „Erst-Nutzungsdauer“ von neu erworbenen Produkten früher länger war als heute. Die größte Veränderung ist bei Gefriergeräten und Wäschetrocknern zu beobachten: 2004 noch besaßen die Verbraucher die Geräte im Schnitt 18,2 bzw. 13,6 Jahre, 2012 waren es nur 15,5 bzw. 11,9 Jahre. Bei Notebooks waren es 2007 noch 5,7 Jahre, 2012 dann 5,1 Jahre. Interessant dabei ist, dass 2012 mehr als doppelt so viele Geräte aufgrund eines Defekts in weniger als fünf Jahren ersetzt wurden als noch 2004.

Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch, dass besonders Elektronikgeräte heute früher ersetzt wurden, obwohl sie nicht defekt waren. Offensichtlich wurde das bei einer Befragung aus dem Jahr 2012, als über 60 Prozent von noch funktionierenden Flachbildfernsehern ausgetauscht wurden, weil der Konsument ein besseres Gerät haben wollte. Ähnlich sieht es bei Smartphones aus: 68 Prozent der Befragten gaben an, dass sie ihr Handy innerhalb von drei Jahren aus demselben Grund ersetzt haben. Hier greift die psychologische Obsoleszenz durchaus ein, nach der Trends und Technik wichtiger sind als ein funktionierendes Gerät.
 
Gründe für den Austausch von Haushaltsgeräten

Was sind die häufigsten Material- und Funktionsfehler?

  • Flachbildfernseher: Display-/Bildschirmeinheit, Netzteilkarte und Aluminium-Elektrolytkondensatoren, Weiterentwicklung der Software
  • Smartphones: Akku, Bildschirmeinheit, Home Button, An-/Ausschalter, fehlender Betriebssystem-Support
  • Waschmaschinen: Bauteile mit erhöhter Schwingungsbelastung
  • Notebooks: Festplattenlaufwerke, Arbeitsspeicher, Grafikchips, Akkus, fehlender Betriebssystem-Support

Soll ich ein neues, energiesparendes Gerät kaufen oder das alte reparieren lassen?

Diese Frage kann auch die Studie nicht per se beantworten, es hängt schlichtweg vom konkreten Produkt ab. Zu betrachtende Faktoren sind natürlich der Anschaffungspreis eines neuen Geräts und die Höhe der Reparaturkosten. Dabei muss der Energieeffizienzsprung mit einer Neuanschaffung miteingerechnet werden. Denn auf längere Sicht kann sich ein teures Neugerät auszahlen – wenn es weniger Strom und Wasser verbraucht.

Was möchte das Öko-Institut bzw. das Umweltbundesamt jetzt von den Herstellern verlangen?

Die Verfasser der Studie haben Strategien gegen Obsoleszenz entwickelt. Als wichtigstes Ziel gibt das Institut aus, dass die Lebens- und Nutzungsdauer für elektronische und elektrische Produkte verlängert werden sollen. Um das Ziel zu erreichen, sind nicht nur die Hersteller gefragt, sondern auch die Politik, Wissenschaft und der Verbraucher.

„Wir müssen über Mindestanforderungen an Produktlebensdauer und Qualität nachdenken – eine Art Mindesthaltbarkeit für Elektro- und Elektronikgeräte. Gleichzeitig werden viele Geräte ersetzt, obwohl sie noch gut funktionieren. Es ist daher genauso wichtig, dass Verbraucherinnen und Verbraucher Produkte länger nutzen“, so Krautzberger. Es sollen außerdem Messnormen und Standards für Bauteile und Geräte entwickelt, unabhängige Tests durchgeführt sowie Rahmenbedingungen für die Reparierbarkeit von Produkten verbessert werden.

Erstrebenswert wäre es auf jeden Fall, wenn man in Zukunft nur noch Rezensionen lesen würde wie: „Mein alter Handmixer hält jetzt schon so lange Zeit und ich bin eigentlich noch echt damit zufrieden. Aber ich wollte jetzt einfach mal einen neuen, schöneren haben.“ Stichwort psychologische Obsoleszenz: Der Verbraucher soll kaufen wollen und nicht müssen.

(awi)

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