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26 Jahre nach dem Super-GAU: Atomunfall von Tschernobyl jährt sich

26.04.2012 - 09:12

Es ist ein Jubiläum, an dem keine Sektkorken knallen: Am 26. April jährt sich der Reaktorunfall von Tschernobyl. Die Havarie wurde als erster Vorfall weltweit in Stufe sieben der internationalen Skala für nukleare Störfälle eingeordnet. Zu einem Umdenken in der weltweiten Energiepolitik führte er aber ebenso wie der Atomunfall im japanischen Fukushima nicht.

Traurige Ironie: Es war ausgerechnet ein Sicherheitstest, der am 26. April 1986 frühmorgens in Block vier des Lenin-Kraftwerks auf dem Gebiet der heutigen Ukraine zu einer schweren Explosion und einem Brand im Reaktorkern führte. Die Bedienmannschaft wollte einen kompletten Ausfall der externen Stromversorgung simulieren. Es sollte bewiesen werden, dass die auslaufenden Turbinen der Anlage die Zeitspanne von einer knappen Minute überbrücken könnten, bis die Notstromaggregate angelaufen wären.

Unfall um halb zwei Uhr nachts

Das Experiment ging gründlich daneben. Konstruktionsmängel sowie Bedienfehler ließen den Reaktor außer Kontrolle geraten. Die folgende Explosion sprengte den Deckel des Reaktorkerns ab und zerstörte das Reaktorgebäude. Der Kern lag frei. Weil dieser teilweise aus Graphit bestand, das sofort Feuer fing, wurde radioaktives Material bis in große Höhen getragen und erreichte viele europäische Länder. Das Gebiet um den Reaktor ist bis heute Sperrzone. Hunderttausende sogenannte Liquidatoren wurden bei den Aufräumarbeiten verstrahlt.

Es dauerte einen Tag, bis die nahegelegene Stadt Prypjat evakuiert wurde. Die Kraftwerksleitung hatte zunächst versucht, das Unglück herunterzuspielen. Die sowjetischen Behörden verhängten eine Nachrichtensperre. Auch gegenüber dem Ausland gab man sich schweigsam. Erst als zwei Tage nach der Katastrophe im schwedischen AKW Forsmark die Geigerzähler anschlugen, wurde der Westen aufmerksam. Am Abend des 28. April liefen die ersten Eilmeldungen in den westdeutschen Redaktionen aus den Tickern.

Eine Delle für die Atomkraft - aber kein Todesstoß

Tschernobyl wurde zum Synonym für die Gefahren der Kernenergie, gab der Anti-Atomkraft-Bewegung Auftrieb und führte zum Atomausstieg in Italien. Auch die Philippinen verzichteten darauf, ihr erstes, gerade fertiggestelltes Atomkraftwerk anzufahren. Doch das Aus für die Kernkraftnutzung bedeutete der Unfall nicht. Schließlich war es einer der unsicheren und maroden Ostblock-Reaktoren, der explodiert war. Das Restrisiko der graphitfreien West-Reaktoren galt dagegen weiterhin als beherrschbar. Kurz vor dem Atomunfall im japanischen Fukushima im März 2011 schien eine globale Renaissance der Atomenergie wahrscheinlich.

Danach schnellte die Nachfrage nach Ökostrom regelrecht in die Höhe. Deutschland leitete wenige Monate nach der Laufzeitverlängerung für die bestehenden Atomkraftwerke den Atomausstieg bis 2022 an. Allerorten wurden Stresstests für die Atommeiler beschlossen. Von einer Abkehr von der Technologie ist die Welt aber noch weit entfernt. Nach Angaben der World Nuclear Association sind derzeit 435 Atomkraftwerke in Betrieb und 62 weitere im Bau. Und erst in der vorvergangenen Woche forderten mit Großbritannien, Frankreich, Polen und Tschechien mehrere EU-Mitglieder, dass die Union die Kernenergie als emissionsfreie Technik genauso fördern solle wie Wind- und Solarenergie. In Tschernobyl selbst beginnt unterdessen in diesen Tagen der Bau eines neuen Sarkophags über dem havarierten Reaktor, der die einsturzgefährdete alte Abdeckung ersetzen soll.

(mb)

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