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Ein Jahr nach Fukushima: Kaum Änderungen für Stromkunden

09.03.2012 - 12:52

Vor einem Jahr läuteten die verheerenden Explosionen im japanischen Atomkraftwerk Fukushima I die deutsche Energiewende ein. In Deutschland wurden in der Folge Atomausstieg und Energiewende beschlossen. Kritiker prophezeiten daraufhin einen Zusammenbruch des Netzes und massiv steigende Strompreise. Die Bilanz nach 365 Tagen: Nur wenig davon ist eingetreten.

Nur neun Atomkraftwerke sind in Deutschland noch in Betrieb. Das ist die am deutlichsten messbare Auswirkung der japanischen Reaktorkatastrophe - bis März 2011 waren es noch 17 Meiler. Die verbliebenen Reaktoren sollen schrittweise bis 2022 die Stromproduktion einstellen. Folgen und Risiken bleiben den Deutschen aber noch länger erhalten: In den Reaktorblöcken, Abklingbecken und Zwischenlagern befinden sich große Mengen an Brennelementen, die zum Teil weiterhin zuverlässig gekühlt werden müssen. Ihre Endlagerung bleibt ungeklärt und wird ebenso wie der Abriss der Reaktorgebäude hunderte Millionen Euro verschlingen.

Einen Teil der Rechnung muss der Steuerzahler übernehmen, aber auch die Energiekonzerne werden bluten. Sie müssen zusätzlich auch noch in erneuerbare Energien und Ersatzkraftwerke investieren. Ihre Aktien verloren deshalb deutlich an Wert, die Unternehmen fahren Sparprogramme und streichen Jobs. In den Bilanzen für 2011, die in diesen Tagen vorgelegt werden, stehen deutlich schmälere Gewinne oder sogar Verluste.

Strompreise steigen nicht stärker als vor Fukushima

Auf die Endkundenpreise hatte der Atomausstieg bisher aber nur äußerst geringe Auswirkungen. Millionen Kunden mussten zwar auch in den ersten Monaten des Jahres 2012 wieder Strompreiserhöhungen schlucken - diese fielen aber meist geringer aus ein Jahr zuvor. Zur Begründung führten die meisten Versorger steigende oder neu eingeführte Umlagen an, mit denen die Ökostromförderung oder Entlastungen für die Industrie bezahlt werden - Dinge also, die lange vor dem Atomausstieg beschlossen wurden oder nichts damit zu tun haben. Daneben ließen höhere Netzgebühren die Strompreise steigen, die aufgrund einer Gesetzeslücke nach einem BGH-Urteil angehoben werden konnten. Auch im Stromgroßhandel gab es keine dauerhafte Verteuerung: Die Preise normalisierten sich im Herbst, aktuell kostet eine Megawattstunde nicht mehr als im Februar 2011.

Weitgehend unverändert blieb auch die Versorgungssicherheit der Verbraucher: Der Strom kommt weiterhin so zuverlässig aus der Steckdose wie vor dem Ausstiegsbeschluss. Während der Dauerkälte Anfang Februar 2012 konnte Deutschland sogar das Nachbarland Frankreich mit großen Energiemengen versorgen. Unterm Strich blieb Deutschland 2011 Stromexporteur - und lieferte auch in den ersten Monaten des Jahres 2012 mehr Strom ins Ausland, als importiert wurde. Im Zweifel reichen die Produktionskapazitäten also aus.

Das Stromnetz ächzt unter dem Atomausstieg

Anders sieht es im Stromnetz aus: Nach Angaben der Übertragungsnetzbetreiber hat die Zahl der kritischen Situationen deutlich zugenommen. Die Leitwarten mussten wesentlich öfter eingreifen. Auch industrielle Stromkunden, deren Maschinen sehr empfindlich auf minimalste Spannungsschwankungen reagieren, beklagen häufigere Probleme. Der Grund für die Probleme: Das Netz ist bisher darauf ausgelegt, den Strom großer Kohle- und Atomkraftwerke in nahegelegene Ballungszentren zu transportieren. Nun wurden mehrere Meiler vor allem in Süddeutschland stillgelegt - hier fehlt nun Strom. Einspringen könnten die großen Windparks im Norden oder die Kohlekraftwerken im Ruhrgebiet und in Ostdeutschland, doch es fehlen Kabel, um den Strom zu transportieren.

Doch der Netzausbau stockt, Genehmigungsverfahren dauern lange, allerorten drohen Proteste und Klagen von Anwohnern und Naturschützern gegen neue Stromtrassen. Kaum besser sieht es beim Thema Stromerzeugung aus: Einen Boom gibt es nur bei kleinen Photovoltaikanlagen - und der soll nun aufgrund der Förderkosten gestoppt werden. Bei Gaskraftwerken halten sich die Investoren zurück. Die Rentabilität der Projekte ist fraglich, weil die Anlagen nur laufen sollen, wenn nicht genug Ökostrom zur Verfügung steht. Das ist zu wenig, um die Baukosten zu refinanzieren. Der Bau großer Offshore-Windparks stockt, weil die Netzanschlüsse nicht schnell genug fertig werden. Passiert ist nach der Ankündigung der Energiewende wenig.

Die größten Herausforderungen kommen erst noch

Die größten Herausforderungen haben Stromversorger und Stromkunden also noch vor sich: Die Netze müssen für mehr dezentrale Erzeugung und die erneuerbaren Energien ausgebaut, neue, umweltschonende Produktionsanlagen für Strom müssen errichtet werden. Zu den Kosten und ihren Auswirkungen auf den Strompreis gibt es verschiedene Meinungen. Die meisten Experten gehen davon aus, dass die Strompreise für Endkunden in den kommenden Jahren etwas stärker steigen werden als ohne Energiewende - die Stromkunden damit aber langfristig günstiger fahren als mit Kohle und Atom.

Die höheren Kosten in der Umstellungsphase müssen allerdings fair verteilt werden. Es darf nicht sein, dass Industriebetriebe entlastet werden und Eigenheimbesitzer dank üppiger Einspeisetarife mit Sonnenstrom gutes Geld verdienen können, während Hartz IV-Empfänger diese Gelder über ihre Stromrechnung mit aufbringen müssen. Der Atomausstieg hat bislang zu keinen spürbaren Problemen geführt - aber die Energiewende ist noch lange nicht in trockenen Tüchern.

(mb)

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