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Warum Deutschland Strom ans Ausland verschenkt

10.10.2011 - 15:24

Irrsinn! Deutschland verschenkt Strom ans Ausland - mit dieser Schlagzeile wartete am vergangenen Wochenende eine große Boulevard-Zeitung auf. Das ist grundsätzlich auch wahr - negative Strompreise sind ein teures Problem. Einige Behauptungen des Artikels treffen allerdings nicht zu.

Wenn viel Ökostrom produziert wird und gleichzeitig die Stromnachfrage niedrig ist, dann kommt es immer wieder zu einem denkwürdigen Phänomen: Die Börsenpreise im Strom-Großhandel drehen ins Negative. Weil zu viel Strom vorhanden ist, wird die (als Ökostrom durch das EEG hoch subventionierte) Energie nicht nur verschenkt, sondern die Abnehmer erhalten sogar noch Geld gutgeschrieben. Betreiber von Pumpspeicherkraftwerken, zum Beispiel in den Nachbarländern Österreich und Schweiz, können derartige Situationen ausnutzen: Sie kassieren dafür, dass sie überschüssigen Strom abnehmen - und nehmen erneut Geld ein, wenn sie ihre Speicher bei hoher Stromnachfrage wieder leeren. Dann können sie die Energie als Spitzenlaststrom teuer verkaufen.

Negative Strompreise: ärgerliches Problem, aber lange bekannt

Dieser Effekt ist ärgerlich und teuer für Verbraucher, aber schon lange bekannt. Warum genau jetzt darüber berichtet werden muss, ist unklar. Bereits Ende vergangenen Jahres führten die Aufsichtsbehörden Preisuntergrenzen ein, um Auswüchse zu begrenzen. Völlig unterbunden wurden negative Strompreise mit Absicht nicht - denn sie stellen auch einen finanziellen Anreiz dar, endlich mehr Stromspeicher und neue Stromleitungen zu bauen. Damit könnte Deutschland selbst mehr Ökostrom einlagern oder zu Verbrauchern transportieren. Das wäre wirtschaftlicher und ist für die Energiewende dringend nötig. Irrsinn ist daher vor allem, dass der Ausbau von Netzen und Stromspeichern verschlafen wurde. Der verschenkte Strom ist nur ein Symptom des Problems.

Schlicht falsch wird es, wenn im Artikel behauptet wird, dass negative Strompreise vor allem bei schönem Wetter mittags auftreten würden, wenn viele Menschen im Freibad liegen und keinen Strom verbrauchen - die Fotovoltaikanlagen dagegen aber kräftig Strom erzeugen. In Wahrheit ist Strom gerade mittags knapp und teuer - auch an schönen Tagen, wenn zusätzlich zu den Bürorechnern und den Maschinen in der Industrie auch noch die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Der Solarstrom wirkt dann sogar preisdämpfend. Probleme bereiten eher windreiche Nächte und Wochenendtage. Dann wird tatsächlich wenig Strom verbraucht und es fehlen Stromspeicher.

Energie-Chaos und Energiewende: Henne oder Ei?

Unwahr ist auch die Behauptung, dass Gaskraftwerke trotz der Ökostrom-Einspeisung nicht abgestellt werden könnten, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Deshalb müsse der subventionierte Strom aus erneuerbaren Energiequellen ins Ausland verschenkt werden. Gerade Gaskraftwerke sind flexibel regelbar und gelten als ideale Partner von schwankenden Energieträgern wie Sonnenlicht oder Wind. Sie ständig laufen zu lassen, wäre viel zu teuer. Im Gegensatz zu Kohlemeilern und Kernkraftwerken: Diese Anlagen sind tatsächlich nur schwer und zu hohen Kosten zu regeln. Für die Energiekonzerne ist es daher wirtschaftlicher, sie am Netz zu lassen.

Kurz gesagt: Der Ökostrom macht nur Probleme, weil die Netze mit Kohle- und Atomstrom verstopft sind. Probleme bereitet die Tatsache, dass große Teile der Infrastruktur in der Mitte des vorigen Jahrhunderts geplant wurden und mit den aktuellen Entwicklungen kaum Schritt halten können. Das von dem Blatt konstatierte Energie-Chaos ist daher vor allem ein Planungs-Chaos in der Politik und den Führungsetagen der Netzbetreiber, wo die Energiewende nur halbherzig und schleppend angegangen wird. Jeder Stromkunde kann selbst für mehr Tempo sorgen: durch die Entscheidung für einen nachhaltigen Ökostromtarif, der dafür sorgt, dass unflexible Kohle- und Atomkraftwerke ersetzt werden. Oft sind derartige Tarife sogar günstiger als der Normalstrom vom Grundversorger.

(mb)

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