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Grabenkämpfe um automatisches Notrufsystem eCall

11.05.2012 - 17:37

Das automatische Notrufsystem eCall soll Leben retten. Denn durch den sogenannten "Emergency-Call" sollen Rettungskräfte nach einem Unfall deutlich schneller an der Unglücksstelle sein als bisher. Das sehen auch Politiker der Europäischen Union so - bereits 2005 hatte die EU-Kommission einen Aktionsplan ausgearbeitet, der den standardmäßigen Einbau von eCall-Systemen in Autos vorsah. Ab 2015 sollen nun alle neu gebauten Pkws mit der Notruftechnik ausgestattet sein. Autobauer und Versicherer wittern das große Geschäft - steht hier eigentlich noch der Mensch im Vordergrund?

Der Grundgedanke von eCall ist einfach: Das automatische Notrufsystem schlägt an, wenn bei einem Autounfall der Airbag ausgelöst wird - und wählt sofort die europaweite Notrufnummer 112. Zusätzlich liefert das System die Position des havarierten Wagens an die Einsatzzentrale.

Dadurch können die Rettungskräfte zu Hilfe eilen, auch wenn kein direkter Kontakt mit den Insassen möglich war. Es wird jedoch trotzdem standardmäßig eine direkte Telefonverbindung zwischen Helfern und Unfallopfern hergestellt.

Die EU-Kommission schätzt, dass sich durch diese Notrufautomatik die Zeitspanne zwischen Unfall und Eintreffen der Rettungskräfte halbieren lässt. Dadurch könnte eher medizinische Hilfe geleistet werden, die Zahl der Verkehrstoten würde um vier Prozent sinken. Das hört sich wenig an - würde aber jedes Jahr rund 2.500 Menschen in Europa das Leben retten. Zumindest in der Theorie.

Wirtschaftsinteressen torpedieren das hehre Ziel

Denn dass eCall erst zehn Jahre nach dem Entstehen der Idee umgesetzt werden soll, hat einen Grund: Lobbyarbeit. Verschiedene Interessengruppen wollen mit dem Notrufsystem vor allem Geld verdienen.

Bereits im August 2008 warnte der Automobil Club Europa in einer Mitteilung vor einem "Kartell kommerzieller Anbieter". "Es geht bei eCall offenbar nicht alleine um Leben und Tod, sondern um Macht und Kommerz", hieß es in dem Schreiben.

Etwas weniger theatralisch drückte sich der Deutsche Anwaltsverein aus: Eine Sprecherin sagte Welt Online, dass ein lebhafter Wettbewerb zwischen Autobauern, Automobilclubs und Versicherungen im Gange sei. Dabei gehe es um das Pannen- und Unfallersatzgeschäft - eine äußerst lukrative Sparte. Wer als erster über einen Unfall informiert wird, ist seinen Konkurrenten gegenüber klar in Vorteil. Es sei daher entscheidend, welche Rufnummer von eCall gewählt wird - und welche Daten übertragen werden.

Fahrzeughersteller in der Poleposition

Die Autoindustrie befindet sich dabei in einer glänzenden Ausgangsposition: Denn wer eCall in den Fahrzeugen installiert, der kann es auch entsprechend programmieren. Etliche Hersteller haben bereits ein automatisches Notrufsystem im Angebot.

Der Nächste im Bunde wird Mercedes sein, eine Vielzahl von Modellen des schwäbischen Autobauers werden ab diesem Juni mit eCall ausgestattet. In Kombination mit dem Multimediasystem Command Online könnten die Rettungsdienste automatisch verständigt werden, heißt es in einer Mitteilung.

Einige Zeilen weiter unten wird diese Aussage allerdings bereits wieder relativiert: Denn die Positions- und Fahrzeugdaten gehen keineswegs direkt über die 112 an die Retter - informiert wird das Bosch Communication Center. Dessen Mitarbeiter versuchen mit den Insassen des Unfallwagens zu sprechen und verständigen danach Feuerwehr und Notarzt. Das hier - möglicherweise lebenswichtige - Zeit verschenkt wird, liegt auf der Hand.

Versicherer fürchten um ihre Pfründe

Die Versicherer sind indes in heller Aufregung. Sie fürchten, dass Reparaturen künftig an ihnen vorbei organisiert werden. Denn die Autohersteller könnten mit Hilfe von eCall die Pannenhilfe und die Reparatur selbst in die Hand nehmen und die Fahrzeuge generell in eigene Vertragswerkstätten lotsen.

Das wäre für die Versicherer allerdings ein herber Schlag, denn sie sind ihrerseits daran interessiert, die Autos der Kunden in Werkstätten reparieren zu lassen, die vertraglich an die Assekuranz gebunden sind. Denn in den Partnerbetrieben ist die Reparatur für die Versicherer deutlich günstiger.

Aus der Not geboren: eine ungewöhnliche Allianz

Und so kam es im Januar zu einer eigenartigen Allianz gegen die Autohersteller: Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) und der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) traten gemeinsam in Gespräche mit der Generaldirektion Wettbewerb der EU. Beide versuchen sich seit Jahren mit ähnlichen Produkten gegenseitig das Wasser abzugraben - die Versicherer bieten immer öfter Schutzbriefe zu ihren Policen an, der ADAC hat im Gegenzug seine eigene Autoversicherung aus der Taufe gehoben.

Ausgerechnet die beiden Erzfeinde machen gemeinsam Lobbyarbeit - aber in der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen. Denn der ADAC könnte beim Pannendienst ebenfalls in die Röhre schauen, wenn dieser direkt von den Herstellern abgewickelt wird.

Entsprechend ist klar, wo Versichererverband und ADAC mit ihrer Kritik ansetzen: Sie wollen erreichen, "dass letztlich der Kunde entscheiden kann, wohin seine Daten gehen", wie Jens Bartenwerfer, Bereichsleiter für die Kfz-Versicherung beim GDV, der Financial Times Deutschland sagte.

Je mehr die Kunden selbst entscheiden, desto größer ist die Chance für Versicherer und die gelben Engel, ihre Angebote auch an den Mann zu bringen. Ein verpflichtender 112-Notruf wäre daher für beide Interessengruppen Gold wert - bislang steht es Fahrzeugherstellern noch frei, welche Notrufzentrale sie via eCall kontaktieren.

In welcher Form eCall letztlich von der EU vorgeschrieben wird, ist bislang offen. Wünschenswert wäre es allerdings, dass sich die Politiker nicht zu sehr von Lobbyisten und deren Wirtschaftsinteressen beeinflussen lassen und stattdessen im Interesse derjenigen entscheiden, auf die es wirklich ankommt: Die Unfallopfer, die auf schnelle medizinische Hilfe angewiesen sind - egal von wem.

(tei)

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