0800 - 24 24 123
Telefonische Expertenberatung
Sie sind hier:

Die Macht des Geoscorings: Kein Kredit in diesem Viertel

21.07.2015 - 09:00

Sie ist der heilige Gral der Finanzwelt: Die Bonitätsbewertung von Privatpersonen und Unternehmen. Die einzelnen Zutaten und das Rezept zur Berechnung der Kreditwürdigkeit halten die beteiligten Firmen ähnlich geheim wie Coca-Cola die Herstellung ihres Kultgetränkes. Ein Besuch bei einer der größten Auskunfteien des Landes – Creditreform Boniversum – ermöglicht jedoch einen klitzekleinen Blick hinter das Mysterium Auskunftei und zeigt: Im Einzelfall braucht es nur drei Zutaten, um zu entscheiden, ob ein Mensch zuverlässig ist oder nicht.

Anhand von nur drei Informationen ein Urteil über die Zuverlässigkeit eines Menschen fällen? Würde über Sie mit nur so wenigen Informationen geurteilt, wären Sie damit nicht einverstanden.  Zumal das so entstehende Urteil weitreichende, gar existenzbedrohende Folgen haben kann: Bewilligt die Bank aufgrund der Kreditwürdigkeit beispielsweise einen Autokredit nicht, kann der Weg zur Arbeit zum Problem werden und es droht im äußersten Fall gar die Arbeitslosigkeit.

Gesamturteil anhand von drei nebensächlichen Informationen

Name, Geburtsdatum und Adresse – fehlen weitere Informationen zu einer Person, berechnet Creditreform Boniversum mit nur diesen Angaben die Kreditwürdigkeit einer Person. Die Kreditwürdigkeit ist ein statistischer Wert, der eine Einschätzung darüber ausdrückt, wie willig und fähig eine Person ist, seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Auf gut Deutsch: Durch Name, Geburtsdatum und Adresse – Informationen, die eigentlich keinen Rückschluss auf die Zahlungsmoral eines individuellen Verbrauchers zulassen – wird die Zahlungsmoral berechnet. Basis der Bonitätsermittlung ist in diesem Fall die Kreditwürdigkeit der Nachbarn. Unglücklich, wenn man in einer Plattenbausiedlung oder im Bahnhofsviertel wohnt. 

Als oftmals nicht nur unfair, sondern sogar gefährlich schätzt Renate Künast, Vorsitzende des Verbraucherschutzausschusses im Bundestag, diese Art der Bonitätsbewertung ein: Diskriminierende Daten wie die eigene Adresse dürften nicht ausschlaggebend dafür sein, ob jemand einen Kredit bekommt oder wie seine Handyvertragsbedingungen aussehen, so die Politikerin laut der Tageszeitung DIE WELT. Ein entsprechender Gesetzesentwurf zum Verbot von georeferenzierten Daten für die Bonitätsbewertung liegt dem Bundestag vor.  

Einen gänzlich anderen Standpunkt vertritt Thomas Riemann, Interessenvertreter der Wirtschaftsauskunfteien. Laut ihm belegen statistische Werte, dass es unwahrscheinlich sei, dass eine Person einen Kredit vertragsgemäß tilgt, die in einem 150-Parteien-Hochhaus mit vielen Schuldnern lebt. Demnach schütze Geoscoring Verbraucher in „schlechten“ Wohngegenden vor einer Überschuldung – ob dieser Schutz im Einzelfall angebracht oder überhaupt gewünscht ist oder eben nicht. 

Kein Geoscoring bei der SCHUFA

Bislang ist Geoscoring in Deutschland nicht verboten – doch gerade weil die Bonitätsbewertung mittels Geodaten äußerst strittig ist, gehen die wenigsten Auskunfteien derart offen mit dieser Art der Bewertung um wie Creditreform Boniversum. Die SCHUFA, mit Informationen über mehr als 66 Millionen Privatpersonen die „Big Sister“ unter den Auskunfteien, weist vehement zurück, aus diesen Informationen einen Scorewert zu berechnen. Welche Informationen mit welcher Gewichtung in die Bonitätsbewertung einfließen, weiß jedoch keiner. Deren Bestandteile und Berechnung sind Geheimnis der Auskunfteien und werden nicht mit der Allgemeinheit geteilt werden, dies ließen sich die Unternehmen bereits in unzähligen Gerichtsverfahren bestätigen. 

Fakt ist: Anhand welcher Informationen Auskunfteien ein Urteil über die Zahlungsmoral und Zuverlässigkeit von Verbrauchern fällen, wissen wahrscheinlich eine Handvoll Menschen in Deutschland – dass sich dies bald ändert, ist nicht zu erwarten. Daher bleibt Verbrauchern nur eine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen: Einmal im Jahr eine Eigenauskunft anfordern. Wer regelmäßig die über ihn gespeicherten Informationen bei den verschiedenen Auskunfteien einsieht, hat die Kontrolle darüber, welche Informationen die Unternehmen gespeichert haben. In diesem Fall kann zumindest eine Löschung falscher oder veralteter Informationen bewirkt werden. 

Denn egal, ob mit Geoscoring oder ohne: Das Urteil von Auskunfteien hat Gewicht, wenn eine Bank beispielsweise entscheidet, ob sie einen Kredit ausgibt und welche Konditionen dafür fällig werden. Daher sollte man sich wenigstens darum kümmern, dass diese Unternehmen Ihre Kreditwürdigkeit mithilfe korrekter und vollständiger Informationen berechnen – Einfluss auf die einzelnen Komponenten und deren Gewichtung werden Verbraucher mit hoher Wahrscheinlichkeit wohl niemals erhalten. 

Ihre kostenlose Selbstauskunft von der SCHUFA beantragen Sie hier.
Ihre kostenlose Selbstauskunft von Creditrefom Boniversum beantragen Sie hier.
(as)

Weitere Artikel: